(Davor: Zahlreiche Erkenntnisschleifen)

In Blatt 01.10.2012: Reiten, konnte in sequenziell kleinen Schritten die krisenbewältigende Auseinandersetzung Ernas mit derüberraschenden Qualität und der Wirkkraft der Farbe Rot (des Zeichenblattes) rekonstruiert werden. Bereits an einem kleinen Blattausschnitt (Abbildung 5: Überschrift und pseudonyme Signatur von Blatt 01.10.2012: Reiten) konnte der sequenzielle Entdeckungsprozess Ernas, bei dem das Geschriebene zunächst im Rot des Blattes unterging, rekonstruiert werden: Die kaum sechsjährige Erna hat diesen Prozess im Blatt unverändert (protokolliert) gelassen, also jeweils erst beim nächsten Buchstaben einen Problemlösungsversuch unternommen. Offensichtlich konnte Erna ihre (Selbst-)Wirksamkeit im Schreibprozess reflexiv einschätzen und weiter perfektionieren (siehe Abbildung 6: Strukturtransformation im Schreibprozess – grafisch nachbearbeitet).

Auch die gezeichnete Szene zur geschriebenen (Selbst-)Behauptung „ICH KANN GUT REITEN“ enthielt krisenhafte Herausforderungen der Blattgestaltung: Sich auf einem Pferd im Kreis reitend darzustellen ist nicht nur für eine Sechsjährige ziemlich schwierig. Die Bewegungsdynamik ergibt sich sodann aus einer sehr eigenwilligen Raumaufteilung im Zeichenblatt (vieles – auch die Mitte des Blattes – bleibt leer).
Das Blatt gewinnt seine dialogische Qualität durch die Blicke der Reiterin (Erna) aber auch jene der Pferdeführerin (am Rand des Bildes). Beide scheinen Kontakt zu ihren Betrachter*innen zu suchen. Bereits an diesem Blatt wurde der Typus einer kindlichen, authentischen, deutlich mehrdeutigen Gestaltungspraxis – einer kooperativ (von Pferd, Reiterin, Pferdeführerin) in Szene gesetzten Pose: hoch zu Ross – herausgearbeitet. Als Betrachter fühl(t)e ich mich suggestiv durch die Blicke des Mädchens und der Reitlehrerin (bzw. Pferdeführerin) einbezogen. Die angesprochene Typik dürfte auf die (später erst entdeckte) Fallstruktur einer autonom ‚etablierten‘ Schülerin, die in einer dialogischen Haltung und Bereitschaft zu Kooperation und Aktivität als Proponentin etwas zu sagen hat, hinweisen.
Die zu Papier gebrachte Krisenlösung ist authentisch auf Lösungsschritte der Autorin und deren Freude an dieser sozialen Szene und am Prozess des Reitens, aber auch an der reflexiven Darstellung dieser Szene zurückzuverfolgen.
Als phantasievolle Lesart (bzw. Interpretation dieses Reflexionsblattes) weitergedacht, könnte man sogar annehmen, Erna möchte in der Schule das imposante Ross des Wissens reiten.
(Weiter zu: Familie [1]: Eine „ödipale Triade“)