(Davor: ‚Land Des Rechnens’: Dialogizität)
Was bedeutet die „(Fall-)Struktur einer autonom ‚etablierten‘ Schülerin“?
Im engeren Sinn ist das die Bezeichnung für jene Fallstruktur, die sich aus der Rekonstruktion von Ernas Reflexionsblättern im Fokus auf deren eigenständige (autonome) Aussage ergeben hat.
Fragt man nach der allgemeineren, über den Fall hinausreichenden – im Fallfokus aber bereits anvisierten – Bedeutung dieser im Einzelfall nachgewiesenen Struktur, ist folgendes anzumerken:
Die Erwartungen und Vorgaben an Schülerinnen und Schüler während ihrer gesamten Schulzeit sind schulrechtlich weitgehend rollenhaft festgeschrieben und damit erheblich fremdbestimmt[1]. Daraus folgt jedoch nicht zwangsläufig, dass sich diese detaillierten Lehr-, Zeit- und Ordnungspläne sowie Klassifikationsraster gleichsam wie Prägungen auf die adressierten Personen (Schüler*innen, deren Eltern, Lehrkräfte samt Leitungsfunktionen) auswirken müssen.
Vielmehr wird durch das vorangestellte Attribut „autonom“ in der Bezeichnung der „Fallstruktur einer autonom ‚etablierten‘ Schülerin“ signalisiert, dass es eine eigenständige Etablierung in dieser Rolle geben kann. Zumal viele Bestimmungen, wie die Fachlehrpläne, ihrerseits ja auch dynamisch als Bildungs- und Entfaltungsmaterie und nicht bloß als nachzulernendes Wissen (nur Letzteres ist testbar und allenfalls automatisierbar) verfasst sind. – Dieser dynamischen und lebendigen Darstellung der Lehr- und Bildungsaufgaben für Schüler*innen widerspricht allerdings die Entwicklung der letzten 25 Jahre, in denen die sogenannten Bildungsstandards eingeführt wurden. Bereits die Formulierung „Bildungsstandards“ zeigt einen anmaßenden Widerspruch an, wenn man unter Bildung einen ergebnisoffenen Prozess versteht (vgl. Kapitel 5.4.3.4).
Kurz gesagt: In der Formulierung „autonom ‚etablierte‘ Schülerin“ wird sowohl die widersprüchlicheHerausforderungals auch die Bewältigung genannt.
[1] Fremdbestimmt: wie die Rollen oder Stellen eines ökonomisch geführten, rationell durchorganisierten Betriebs. Dies ist genauer in Exkurs 3 ausgeführt. Dort wird jener Fortschritt durch die Rollentheorie dargelegt, der es systematisch ermöglicht hat, dass Rollenträger auf Grund von Rollendefinitionen austauschbar und schließlich teilweise durch Robotisierung ersetzbar wurden (Kapitel 2.5.2.1: Zum Unterschied zwischen rollenförmiger und diffuser Sozialbeziehung). Demgegenüber ist die Übertragung der Rollentheorie auf Familienverhältnisse unangemessen. Deren Personal kann eben nicht (ohne gravierende Folgen) substituiert werden (Kapitel 2.5.2.2).
(Weiter zu: Auf welche Weise wirkt diese Fallstruktur?)