Fallrekonstruktion.net

Zur Brisanz der Methodologie

(Davor: Kritisches RESÜMEE zu „Bildungsstandards“)


Zunächst rückt die Suche nach einer dem Forschungsgegenstand angemessenen Methodologie in den Vordergrund.

Als Forschungsansatz wurde die Objektive Hermeneutik Ulrich Oevermanns zur Anwendung gebracht. Sie ist als dem Forschungsvorhaben angemessen erschienen (siehe Kapitel 1.7): Als relativ junge Methodologie verfügt die Objektive Hermeneutik über eine sehr elaborierte soziologische Konstitutionstheorie, mit der grundlegende Fragen von Bildungsprozessen zugänglich werden. Mittels objektiv-hermeneutischer Fallrekonstruktion kann eine Lebenspraxis in ihrer Ganzheit bei entsprechender Fokussierung hinsichtlich ihrer Fallstruktur empirisch rekonstruiert werden. Dies macht die Relevanz im Arbeitsfeld der Pädagogik aus. Denn pädagogische Interventionen bedürfen grundsätzlich (also nicht immer, aber vor allem in schwierigen Fällen sowie zur gelegentlichen Überprüfung eingespielter Routinen) begleitender Fallanalysen.

Das Fallverstehen ist nicht akademischen Experten vorbehalten, sondern Fallverstehen entsteht reflexiv in Krisen von Lebenspraxen, in denen von jeweils handelnden Subjekten oder Gemeinschaften neue Krisenlösungen gewagt und reflektiert werden; in diesem Fallverstehen hat die Autonomie der Lebenspraxis ihren Ursprung (vgl. Kapitel 1.8, 6.7 und 6.8). Demgegenüber sind klassifikatorische Verfahren, bei denen in theoretisch erstellte Rahmen (Frames) nach standardisierten Kriterien eingeordnet und statistisch ausgewertet wird, lediglich von sehr beschränkter Aussagekraft im Einzelfall. Auf den kommt es aber im Feld der Pädagogik letztlich an. Die Objektive Hermeneutik bietet überdies etliche Strukturtheorien, die für den Bildungsbereich hohen (allgemeinen) Erklärungswert haben, sind sie doch maßgeblich aus Analysen im Bereich Sozialisation – Elternhaus – Begabung – Schule entstanden (Becker-Lenz et al 2016; Garz & Raven 2015; Oevermann 1996a, 2000, 2002, 2004, 2006, 2008, 2009, 2012, 2013, 2014, 2014a, 2016).

Im Forschungsansatz der vorliegenden objektiv-hermeneutischen Fallrekonstruktion ist also das analytische Paradigma von ‚Krise‘ und ‚Routine‘ (Oevermann 2016) genutzt worden. Das heißt, es ist bereits bei der theoriesprachlichen Errichtung des (allgemeinen) Untersuchungsgegenstandes sowie bei der Formulierung der fokussierenden Forschungsfragen, vor allem aber im weiteren Prozess der sequenzanalytischen Rekonstruktion des Datenmaterials eingesetzt worden. Die Exkurse 1 und 3 zeigen allgemein – bezogen auf die Ästhetik- und Krisentheorie – die Sozialisation und Bildung des Subjekts auf.

Also bevor noch das – vermutlich neue (innovative) – Potential des Falles konkret bestimmt war, war absichtsvoll eine innovative Herangehensweise in das Forschungsprojekt eingebracht worden. Das betraf auch das objektiv-hermeneutische Verständnis einer Fallrekonstruktion zur Erschließung „latenter Sinnstrukturen“ im Datenmaterial (Kapitel 2.2 sowie 6.9 und 6.10). Dazu gehörte, dass drei Modi des Fallverstehens zum Einsatz gebracht wurden: Der Modus 1 wurde repräsentiert durch Erna, als ‚Kind in der Schule‘; der Modus 2 wurde repräsentiert von Ernas Schulleiterin; den Modus 3 brachte der Forscher, gestützt auf die Objektive Hermeneutik, ein. Diese drei Modi des Fallverstehens wurden ‚auf Augenhöhe‘ in Beziehung gesetzt, denn die Repräsentanten des jeweiligen Modus des Fallverstehens wurden in ihrer Neugierde auf ihrem Weg zu neuen Erkenntnissen als Suchende dargestellt. Die drei Modi des Fallverstehens wurden also im Rahmen der Studie in Ergänzung gebracht und zum Erkenntnisgewinn der Studie genutzt (vgl. insbesondere Kapitel 1.8 und 1.9).

Insgesamt ist die Studie der Annahme gefolgt, dass Maßnahmen im Bildungsbereich – sowohl im pädagogischen Alltag als auch in der Selbstreflexion des Bildungswesen – auf einem grundlegenden Verständnis der Struktur von Bildungsprozessen beruhen müssen. Für dieses Unterfangen war der Einsatz der Objektiven Hermeneutik eine angemessene methodologische Entscheidung mit weitreichenden Konsequenzen.


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